Wäre Orwell zufrieden?

Orwell-Vergleiche sind ‚in‘. Kein Wunder in Zeiten täglich neuer Enthüllungen zu Bespitzelungen durch befreundete Geheidienste oder gar denen des eigenen Landes. Gemeint ist bei diesen Ver­gleichen typischerweise eine Situation totaler Überwachung, in der keinerlei Raum für Privat­sphäre er­laubt ist. In Orwells Buch „1984“ manifestiert sich dieser Überwachungsapparat vor allem in ubiquitären „Televisoren“, die nicht nur die staatliche Propaganda transportieren, sondern vor allem als Über­wachungskamera dienen und in jeden Winkel reichen. Verglichen mit den Über­wachungsmethoden unserer Tage mag das krude wirken, aber letztlich ist die konkrete Ausprägung der technischen Überwachungsmittel nur ein marginales Detail.

Viel entscheidender sind Motive wie Zwiedenken und Neusprech, die sich auf die menschliche Psychologie und ihre Konditionierung beziehen. Zwiedenken (oder auch näher am Original in neueren Ausgaben Doppeldenk) beschreibt die Fähigkeit, totale Gegensätze gedanklich vereinen zu können, also ultimative Eklektik. Dies ge­lingt naturgemäß nur unter Aufgabe der Wahrheit, er­fordert im Grunde sogar die Aufgabe jeder Objektivität. Orwell legt jedoch Wert darauf, dass nicht situatives und opportunistisches Lügen gemeint ist, sondern echtes Glauben. Idealiter kann der erfolgreiche Zwie­denker problemlos zwischen ‚Wahrheiten‘ wechseln, ganz wie es die Partei- bzw. Staatsraison er­fordert. So abstrakt und theoretisch das klingen mag, so real waren Orwells Erfahrungen mit totalitärem Denken vor allem des Kommunismus (Orwell kämpfte mit Marxisten im Spanischen Bürgerkrieg), die diesen Motiven zugrunde lagen.

Als moderne Menschen neigen wir zur Arroganz gegenüber unseren Vorfahren, halten uns für aufgeklärt und damit immun gegen solcherlei Denkmuster. Doch ganz im Gegenteil sind wir ständig von Beispielen für Neusprech und Zwiedenken umgeben. Beispiele für Neusprech werden permanent kreiert, denn im politischen Prozess ist die Wahl und Aus­formulierung des Schlagworts die halbe Miete. Ein gutes schlechtes Beispiel ist die in letzter Zeit vielfach bemühte Chancen­gerechtigkeit. Gleichheit finden ja schon viele toll, weil es nach Fairness klingt, aber noch viel besser ist natürlich Gerechtig­keit – et voilá: weg mit der Chancengleichheit, her mit der Chancen­gerechtigkeit.

Das Problem ist nur, dass diese Operation hart am Zwiedenken verläuft, denn tatsächlich sind beide Begriffe Gegensätze. Da die Menschen Gott sei Dank nicht gleich sind, kann man sie also entweder gleich oder gerecht behandeln. Jeder Versuch eines sowohl als auch erzeugt nur so etwas wie das deutsche Steuersystem, also nichts was irgendjemand ernsthaft als wünschenswert erachten kann.

Zwiedenken ist zu allererst ein innerer Prozess und der damit einhergehende Realitätsverlust – oder besser Realitätsverzicht – nicht immer offensichtlich. Wie kann man nun Zwiedenker im Alltag er­kennen? Vermutlich würde ein hochgradiger Zwiedenker sich geballten Neusprech-Vokabulars bedienen und dann das genau Entgegengesetzte tun. So könnte man sich theoretisch vorstellen, dass jemand lautstark ‚Offenheit‘ und ‚Vielfalt‘ pro­klamiert und ‚gegen Ausgrenzung‘ eintritt, dann aber in völliger Umkehrung seiner vermeint­lichen Ziele eine Gruppe ausgrenzt, ja geradezu diffamiert und mit Hetze überzieht, und Offenheit und Vielfalt willkürlich einschränkt auf diejenigen Gruppen, die ihm gerade zupasskommen.

Das klingt absurd und das ist auch, aber leider Realität im Karben des Jahres 2013, denn das Bündnis offenes Karben tut nämlich all das gerade nicht, was es sich selbst auf die bunte Fahne schreibt. Schon die Bibel sagt: „Seht euch vor vor den falschen Propheten, die in Schafskleidern zu euch kommen, in­wendig aber sind sie reißende Wölfe. An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen.“ (MT 7,15-16).

Findet sich Zwiedenken ausschließlich bei den Initiatoren oder möglicherweise auch bei den Zeugen der An­klage und gar Teilnehmern? Dass die Antifaschistische Bildungsinitiative intensiv in der linksradikalen Szene vernetzt ist, dürfte niemand ernsthafte in Zweifel ziehen. So darf man ruhigen Gewissens eine geistige Nähe zu den militanten Blockupanten unterstellen, die so launig den Polizisten als Vertretern des Staates entgegen schrien: „Deutschland ist Scheiße und Ihr seid die Beweise!“ (http://www.youtube.com/watch?v=9AUKR_-hSHw&feature=player_embedded)

Wie ist dann zu erklären, dass die gleiche antifaschistische Couleur an anderer Stelle keinerlei Hemmungen hat, sich vom eigentlich verhassten Staat alimentieren zu lassen. Der ge­neigte Leser ahnt es bereits: Zwiedenken?

Aber nein! In diesem Fall ist die Erklärung viel banaler, denn die Antifaschisten sehen schlicht die Möglichkeit, auf der bestmöglichen, nämlich staatlicherseits und auch noch von bürgerlichen Parteien bereiteten Bühne, ihre totalitäre und freiheitsfeindliche Ideologie zu verbreiten. Das Märchen, dass alle, die den Antifaschisten nicht in den Kram passen und Rechtsstaatlichkeit und die Grundfreiheiten ernst nehmen, irgendwie Nazis seien, ist Jahrzehnte alt und wurde zurecht ebenso lange bekämpft. Dass die Berufsdenunzianten nun ein derartiges Forum erhalten, darf und muss man als drastischen Niedergang unserer politischen Kultur und demokratisches Organversagen empfinden.

Wirklich bedauerlich ist, dass diese unheilige Allianz aus Opportunismus und Partikularinteressen die wohlwollenden Karbener Bürger derart vereinnahmen kann. Immerhin 500 Teilnehmer kamen zur ‚Informationsveranstaltung‘ zur Gründung des Bündnisses. Inzwischen vermeldet das Bündnis 377 Beitritte, aber ein bisschen Mengenlehre macht Hoffnung.

Unterstellen wir für einen Moment, dass die 377 Beitritte ausschließlich von Teilnehmern stammen, dann bedeutet das, dass mehr als 20% der Teilnehmer dem Bündnis die Unterstützung verweigert – und wahrscheinlich nicht trotz, sondern wegen dieser Art von ‚Informationsveranstaltung‘ und Linksextremen als Prüfern beim ‚Gesinnungs-TÜV‘.

Natürlich ist die Annahme, dass die Beitritte nur von Teilnehmern stammen, unsinnig und das macht den Befund aus Sicht der Bündnisinitiatoren noch gravierender. Wenn jeder überzeugte Teilnehmer der Veranstaltung im Durchschnitt nur einen Nichtteilnehmer zum Beitritt bewegen konnte, dann haben nicht einmal 200 und damit weniger als 40% der Teilnehmer unterzeichnet. Vermutlich liegt die Wahrheit irgendwo dazwischen und, da die anwesenden 500 können wohl kaum als repräsentativer Maßstab für Karbens Bevölkerung gelten können, dürfte in der gesamten Bürgerschaft die Unterstützung noch deutlich übersichtlicher sein. Erfolg geht anders, insbesondere vor dem Hintergrund der permanenten Hetze in den Lokalmedien.

Zurück zur Eingangsfrage nach Orwells Zufriedenheit:

Orwell würde heute erkennen müssen, dass viele der Macht- und Manipulationsmechanismen, die er voraussah, weiter angewandt werden. Die Lektionen aus den Blut­spuren des 20. Jahrhunderts haben gerade die Eliten nicht gelernt und sie sind immer noch bereit im Dienste der passenden Ideologie und/oder persönlicher Ziele, demokratische Grundrechte sang- und klanglos über Bord gehen zu lassen.

Orwells Verdienst ist die klare und luzide Benennung dieser Mechanismen, die dadurch auch und gerade von jungen Menschen erkannt und bekämpft werden können. Unser Verdienst wäre es die richtigen Schlüsse daraus zu ziehen und unzweideutig an den Errungenschaften und Sicherungsmechanismen von Freiheit, Rechtstaat und Demokratie festzuhalten.

Wäre…

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