Monatsarchiv: April 2014

1914 – Historische Wahrheit und politische Notwendigkeit

100 Jahre sind vergangen und dennoch sind Ursachen und Auslöser des Ersten Weltkriegs einer neutralen und ideologiefreien Betrachtung in der Öffentlichkeit entzogen. Stattdessen regiert die Propagandalüge von der deutschen Alleinschuld, die nichts anderes als Teil einer Siegerjustiz ist, die im Versailler Vertrag Ausdruck fand.

Ausgerechnet der für seine Freiheitsrhetorik bekannte Bundespräsident Gauck macht dies in einem Spiegel-Interview überdeutlich, denn er kann sich „eine deutsche Beschäftigung mit dem Ersten Weltkrieg nur als Respekt vor dem Leid derer vorstellen, die damals durch uns bekämpft wurden“.

Dabei ist die Liste prodeutscher Kronzeugen denkbar lang, um nur einige zu nennen:

  • Der US-amerikanische Kongress hat den Versailler Vertrag nie ratifiziert,

  • John Maynard Keynes verließ die britische Verhandlungsdelegation unter Protest,

  • unter anderem Winston Churchill prägte den Begriff des „zweiten dreißigjährigen Krieges“ von 1914 an.

Dass die Geschichtsschreibung heute schon deutlich weiter ist, machte Sebastian Pella am 10.4 in seinem sehr gelungen Vortrag vor vollbesetzter Werkstatt deutlich. Dabei muss zwangsläufig der Bogen weit in das 19. Jahrhundert hinein gespannt werden und die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts lässt sich nur mit diesem Hintergrundwissen verstehen. Herr Pella zeigte auch, dass Clarks „Die Schlafwandler“ wenig fundamental Neues bringt, sondern er viel mehr als Ausländer eine andere publizistische Reichweite hat und so auch in der politisch-medialen Parallelgesellschaft Deutschlands wahrgenommen wird, was einem deutschen Historiker vermutlich nicht gelänge – oder nur um den Preis des Karriereendes.

Die anschließende, lebhafte Diskussion war vor allem von den Implikationen für uns heute geprägt. Auch wenn die historische Wahrheit ein Wert an sich ist, stellt sich die Frage nach der Relevanz dieser Frage heute. Tatsächlich lässt sich mit dem deutschen Schuldkomplex vortrefflich Politik machen und das geschieht natürlich auch. Immer wenn von besonderer deutscher Verantwortung die Rede ist, wird meist profane Realpolitik in schwülstige Rhetorik gekleidet und die Urheber streben nach moralischer Selbstüberhöhung, was unter dem Beifall der Medien leider auch regelmäßig gelingt.

Gleichzeitig wird der Weg in die Weltkriege in einen Beweis für die Gefahr durch Nationalstaaten umkonstruiert und lautstark propagiert. Die ersten 40 Jahre der EG/EU – und vor allem ihre wichtigsten Erfolge – werden damit geradezu unerklärbar und, dass gerade supranationale Kopfgeburten wie Jugoslawien und die Sowjetunion die Saat für blutige Kriege legten, wird geflissentlich ignoriert.

Wer Demokratie, Sozialstaat und individuelle Freiheiten wirklich ernst nimmt, muss anerkennen, dass diese bisher nur in Nationalstaaten dauerhaft verwirklicht wurden.

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Ein Kommentar

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